Geschichte(n)

02.03.1976

Auf der Bühne in den Festzelten sage ich immer im Vorspiel zu den "Kreuzberger Nächten": "Es war 1978, es war das Studio der Berliner Union Filme, es moderierte Dieter Thomas Heck - und damit fing das alles an!" Die Wahrheit ist, dass vielleicht damit alles aufhörte, aber das wussten wir ja nicht, als wir uns zum Auftritt in der ZDF-Hitparade überreden ließen und damit mehr oder weniger ungewollt zu den Stimmungsmachern der Nation wurden.
Also, womit fing das alles eigentlich an bei den Gebrüdern Blattschuss? Zunächst einmal wurde diese Gruppe gar nicht gegründet, sondern sie entstand aus einer für einen Abend geplanten Session. Zunächst einmal zu den handelnden Personen.
Fangen wir einmal mit Jürgen an. Er hatte kurz zuvor einen wichtigen Schritt für eine Karriere getan, nämlich sich einen Künstlernamen zugelegt, "von der Lippe". Seinen richtigen Namen, Dorenkamp, hatte er bei Auftritten sowieso nicht benutzt, damals haben die meisten unter ihren Vornamen firmiert und das ging, solange kein Interpret gleichen Vornamens auftauchte. Jürgen spielte damals hauptsächlich Lieder von Ulrich Roski, hatte aber auch schon einige Vertonungen und eigene Lieder und er rezitierte Texte aus der "Welt im Spiegel", die hauptsächlich von den Autoren geschrieben waren, die später offiziell für die Texte von Otto Waalkes verantwortlich zeichneten. Jürgen studierte Deutsch und Philosophie(!) und finanzierte das mit Deutschunterricht für ausländische Studenten.
Hans Marquardt, "mit q u und d t", war sicher einer der markantesten Gesichter der Berliner Szene, er sieht übrigens heute noch genauso aus wie damals, und er ist auch sonst so geblieben, und das meine ich durchaus als Kompliment. Hans sang, ach was schreibe ich, interpretierte meisterhaft die Lieder des Wiener Großmeisters Georg Kreisler ("Tauben vergiften im Park"). Er studierte nicht, hatte aber am Tag trotzdem "Termine", was mir sehr imponierte, er war irgendwas wie ein Vorsitzender in einem Amateurtheater-Verband. Er war Sohn einer allein erziehenden Mutter, damals ein eher seltener Fall und seine Mutter hatte es zu einer lokalen Fernsehberühmtheit gebracht, weil sie zu ihrer Pensionierung nicht mit Stricken oder Häkeln begann, sondern sich ein Motorboot zulegte, um auf Westberlins Gewässern umher zu schippern.
Hans Werner Olm war einer der wenigen in der damaligen Szene, der nicht aus dem studentischen Milieu stammte, er hatte sogar einen ordentlichen Beruf gelernt, Bäcker und Konditor. Er war zweifellos der Begabteste von uns, er parodierte Dieter Thomas Heck und die gesamte ZDF-Hitparade im Alleingang, sang in allen Stimmlagen, die bei Männern vorkommen, vom Falsett bis zu tiefsten Bass, komplettierte seine eigenen Gags geschickt mit "geklauten". Kurz, ein komplettes Showtalent, leider ein Bisschen unzuverlässig. Damals. Ist lange her. Ist Geschichte. Das mit der Unzuverlässigkeit. Nicht das mit dem Showtalent.
Wurzel hieß eigentlich Harald Gribkowski, hatte aber seinen Künstlernamen verpasst bekommen, weil es schon einen Harald gab. Es ist nicht ganz geklärt, ob das der Harald (Wolff) war, der später bei Blattschuss einstieg. Weil "Harald" als Künstlername schon vergeben war, wollte Jo vom GO-IN was aus dem Nachnamen machen. Da das "Grib" in Gribkowski "Pilz" heißt, wurde er dann durch (typisch berlinerisches) "Verquatschen" zu "Wurzel". Damit nicht genug. Wurzel bekam den Beinamen "Der Touristenschreck", er klärte die westdeutschen Schülergruppen über die Besonderheiten des Berliner Idioms auf ("Es gibt nur ein Wort in dem der Berliner ein "Z" benutzt, nämlich Europa-Zenter") , er übersetzte den Breitscheidplatz ins Lateinische "forum vagina lata" und brachte Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht" folglich auf Latein. Er studierte, ich glaube Geographie, und war zu aller Erstaunen zu der Zeit Sportler und Antialkoholiker. Ich fürchte, er hat nichtmal geraucht.
Im Gegensatz zu mir, beim ersten Auftritt der Gebrüder Blattschuss, die damals noch nicht so hießen, ist von mir zweimal das Wort "Zigarette" zu hören. Oh ja, es gibt Tondokumente! Vielleicht war das markanter für mich als meine musikalischen Leistungen, aber ich hatte mir damals eine solide Stellung als musikalischer "underdog" erarbeitet und eröffnete meine Auftritte meistens mit dem Satz "Ich darf hier nur auftreten, damit sich die anderen Künstler vorteilhaft davon abheben können", kokettierte damit, dass ich fast alle meine Lieder mit maximal drei Akkordgriffen spielte, was später von den Punks dreist kopiert wurde, und erklärte den Wechsel vom C-Dur-Griff nach G-Dur zum Gitarrensolo. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, hatte ich als einziger der Kollegen schon eine eigene Langspielplatte gemacht.
Aber egal, ich war irgendwie dabei, als fünf Leute sich entschlossen als Gag "mal 'n Auftritt zusammen zu machen". Der Anlass war folgender: Das viel beschriebene und oft besungene GO-IN feierte am 2.März 1976 seinen 8.Geburtstag, woran man mal sehen kann, dass dieses Lokal ein echtes aus der 68er Zeit war. Hier hatten die Heroen der ersten Liedermacher-Generation gespielt, Hannes Wader, Reinhard Mey, die Insterburgs, und und und. Zum GO-IN-Geburtstag gab es inzwischen eine Tradition. Während sonst der reguläre Auftritt dort 30 Minuten dauerte, spielten am Jubiläumsabend alle anwesenden Künstler und Gruppen, aber jeder Act nur drei bis fünf Minuten. Wir beschlossen nun, unsere Minuten einfach zusammen zu legen und einen gemeinsamen Auftritt zu machen.
Es hatte eine Zeit gedauert, bis wir uns kennen lernten, denn wir waren als alle mehr oder weniger komische Interpreten selten oder nie am selben Abend auf der Bühne. Aber nach einiger Zeit hatten sich verwandte Seelen (und Kehlen) gefunden. Mit Jürgen und Hans hatten wir uns zu viert bei Hans Werner getroffen und verschiedenes ausprobiert, zum Beispiel mehrstimmigen Gesang wie den der Geier aus dem Film "Das Dschungelbuch". Außerdem planten wir eine Parodie auf die damals neu aufkommenden Talkshows. In "Talkschock" sollte Hans Marquardt unter dem Namen "Johannes Merkwürd" moderieren, ich sollte einen Scherzartikel-Erfinder namens Bernhard W. Bold geben, Hans Werner war als Schlagerstar "Rex Goldi" vorgesehen und Jürgen hatte die Rolle eines Jesuitenpaters verschafft, mit dem schönen Namen "Luigi Vongole con Funghi", was Jürgens zwiespältiges Verhältnis zur katholischen Kirche einerseits und zur italienischen Küche andererseits zeigt. Jürgen hat immer wieder Priester und Pfarrer gespielt, in seinem Kinofilm "Nicht mit Leo" oder seiner Comedy-Serie "Der Heiland auf dem Eiland", und ich bin mir fast sicher, dass er, wenn er nicht ins komische Fach konvertiert wäre, heute der erste deutsche Papst wäre.
Ich nehme auch an, dass Jürgen die treibende Kraft war, der uns für diesen einen Abend, wie wir glaubten zusammen brachte. Wir probten zu fünft in Jürgens WG-Zimmer. Wie der (sorry) eher bürgerliche Wurzel da hinein geraten war, ist mir heute noch unklar. Das Repertoire war schnell gefunden, unsere Lieblingssongs aus der sonst im GO-IN eher verpönten Popmusik. Jeder sollte ein Solo haben, die anderen jeweils die Instrumente spielen und die Chorstimmen singen. Das Thema "Beatles" war natürlich heiß begehrt, aber ich musste mich mit meiner zweit- bis drittbesten Lieblingsgruppe zufrieden geben, den "Beach Boys". Dabei gab es nur einen Song dieser Band, den einer mit so einer Stimme wie ich singen konnte, den Party-Kracher "Barbara Ann". Ich kann den Originaltext bis heute nicht wirklich, aber ich sang mit jener Technik der sprachlichen Unverfrorenheit, die ich später bei vielen DDR-entwachsenen Tanzmusikern kennen lernte, nämlich etwas zu singen, wovon man kein Wort versteht, und wovon vor allem kein Engländer oder Amerikaner je ein Wort verstehen wird. Wurzel gab "My Baby, Baby, Balla, Balla", eine musikalische Preziose, die an textlicher und musikalischer Einfachheit kaum zu toppen ist. Jürgen, der Typ mit den witzigen Liedern und starken, manchmal leicht überheblich wirkenden Sprüchen, überraschte als Schmonzettensänger mit dem spanisch dahin geschluchzten "Que sera". Hans Werner gab den Blues-Shouter mit einer Version von "Proud Mary". Und Hans, ja der Hans Marquardt, der immer die intellektuellen Kabarett-Songs drauf hatte, überraschte als tragischer Pop-Tenor mit Tom Jones' "Delilah". Als Ensemble-Stücke kamen dann noch "To love somebody" von den Bee Gees dazu, "All you need is love" von den Beatles und "Let the sunshine in" aus dem Musical "Hair". Außerdem meine ich, dass wir noch "Chirpy, chirpy, cheep, cheep" gesungen haben, aber auf der mir vorliegenden Aufnahme ist es nicht dabei. Dazu brachte jeder das ein, was er an musikalischem Können drauf hatte oder glaubte, drauf zu haben. Jürgen spielte außer Gitarre noch die Bongo-Trommeln, ich Trumpet-Kazoos und eine einen Viertelton zu hohe Mundharmonika, es gab außerdem noch Schellenringe und Triangeln im Instrumentarium. Außerdem versuchten wir alle möglichst mehrstimmig und im Zweifelsfall vor Allem laut zu singen. Hans Werner hatte dazu noch die Aufgabe, uns jeweils zu dem Lied mit einem anderen Gruppennamen und in der Manier von GO-IN-Boss Jo anzusagen: "So, das war wieder Musik von der Schallplatte, und jetzt haben wir ihn oben auf der Bühne, Beppo, das ist Beppo und seine Strandcombo, heute zum ersten Mal und wahrscheinlich auch zum letzten Mal auf dieser Bühne!" Das mit dem "letzten Mal" ging reichlich schief, denn der Auftritt war ein echter Knüller, das Publikum, vor allem auch die zahlreich anwesenden Kollegen haben getobt. Wie gesagt, es gibt Tondokumente. In einem Interview danach verstieg sich sogar ein Schwabe zu der Aussage, dass diese Gruppe mühelos 10.000 Leute in Ekstase versetzen könnte. Soviel sind es meines Wissens nie geworden, jedenfalls nicht gleichzeitig. Aber damit fing was an, vielleicht nicht alles, aber etwas, das unser ganzes Leben und besonders meins geprägt hat.

© Beppo Pohlmann