Geschichte(n)

ZDF - Hitparade

Diese Geschichte habe ich so oft erzählt, dass ich nicht mehr weiß, was daran objektiv wahr ist und was ich, um die Geschichte auf den Punkt oder auf die Pointe zu bringen, beim Erzählen verändert habe.
Nach unserer ersten Langspielplatte, auf der wir vorwiegend Musiken von Pop-Größen mit unseren eigenen Gagtexten kombiniert hatten, wollten wir beim zweiten Album auch die Kompositionen selbst machen. Mehr noch, bei der Arbeit an unserer Radio-Show "Blattschuss-Magazin" (für den WDR) hatten wir Spaß am Schreiben und Machen von Sketchen gefunden. Somit wurde das Thema "Rundfunk" zum Programm und wir packten auf die Langspielplatte alles, was uns damals im öffentlich rechtlichen Radio auffiel. (Damals gab es als einzige private Station nur Radio Luxemburg, die Keimzelle des heutigen rtl). Es gab also eine Stationsansage, Wetterbericht, das Wort zum Alltag, die Plattenkritik,und einmalig und nie kopiert, Pantomime auf Schallplatte. Dazu gab natürlich jede Menge Lieder, meistens Genre-Parodien, z.B. einen Rock'n Roll im Buddy-Holly-Stil, ein Weihnachtslied, einen Countrysong usw.
Langspielplatten kamen zu dieser Zeit auch als fertig bespielte Musikkassette auf den Markt und da man mit dem Bandmaterial dafür ökonomisch umgehen wollte, legten die Firmen Wert darauf, dass auf den Kassetten und damit auch auf den Platten beide Seiten zeitlich gleich sein sollten. Damit sollte auch erreicht werden, dass die Kassetten, die häufig in Autoradios liefen, im Autoreverse-Verfahren möglichst ohne große Pause weiter laufen konnten.
Warum ich das alles erzähle? Als wir alles aufgenommen und geordnet hatte, stellten wir fest, dass wir ca. 3 ½ Minuten zu viel auf der zweiten Plattenseite hatten. Wegnehmen wollten wir natürlich nix davon, also mussten wir die A-Seite mit entsprechender Zeit auffüllen. Irgendjemand kam dann auf die Idee, die "Kreuzberger Nächte" aufzunehmen, ein Lied was ich ursprünglich über meine Kneipenerlebnissen mit meinen Freunden und Studienkollegen geschrieben hatte. Diese Lied war in Gebrüder-Blattschuss-Auftritten zur allerletzten Zugabe mutiert, da es musikalisch von keinem etwas forderte und somit auch im leicht benebelten Zustand noch einigermaßen singbar war. Allerdings musste dazu der Strophentext allgemeingültig umgeschrieben werden. Ich machte mich also dran, gab dem Wortspielaffen ordentlich Zucker und kalauerte und witzelte mich durch einen Kneipenabend samt schrecklich Erwachens. Das dauerte, wenn ich mich recht erinnere, nicht ganz drei Stunden. Ich zeigte den Text dann Jürgen, dem vier Zeilen nicht gefielen, die er spontan durch folgende ersetzte:
Und wie immer erscheint dann diese Frau
Bei der sind auch nicht nur die Augen blau
Ich sag: "Verschwinde, liebe Sünde, rasch von hier,
In diesem Lied bleibt's ausnahmsweise mal beim Bier!"
Damit war er nicht automatisch Ko-Autor dieses Lieds, wir haben zu der Zeit sowieso uns gelegentlich gegenseitig mit Gags, Zeilen oder auch Musikideen ausgeholfen, ohne daraus Ansprüche zu stellen.
Unsere Idee war dann, im Zuge der musikalische Linie der Platte, das als eine Art Parodie auf Stimmungslieder aufzunehmen. Wie genau, wussten wir aber nicht. Ich bin dann allein mit der Gitarre ins Studio gegangen, habe das Lied so aufgenommen, vielleicht noch unsere Ideen unserm Produzenten Uli Weigel verklickert und bin dann nach Hause gefahren. Ein paar Tage später rief Uli an und sagte, das Playback wäre fertig und ich könnte ins Studio singen kommen. Ich kann da also an und habe den Song zunächst kaum wieder erkannt. Chris Evans, trotz dieses Namens deutscher Herkunft, hatte am Anfang einen speziellen Tommelwirbel veranstaltet, den er übrigens heute noch auf Abruf jederzeit spielen kann. Der Ami Henry Hirsch hatte mehrere Orgeln im Mehrspurverfahren übereinander gespielt, was einen Kirmessound vom Feinsten ergab, der auf keiner Coverversion je erreicht wurde. Schließlich hatte Steve Miller – nein nicht der von der Steve Miller Band – den Basslauf des Beatles-Klassikers "Obladi Oblada" verwendet, der dem Ganzen ordentlich Schwung gab.
Nachdem ich also kapiert hatte, wie's ging, habe ich dann meinen Sologesang aufgenommen, ob jemand von den anderen Blattschüssen dabei war, weiß ich nicht mehr. Irgendwann kamen dann die Kollegen zum Refrainsingen, was natürlich bei der Einfachheit des Werkes keine Frage der Zeit war. Dann hatten wir, oh Wunder, noch eine Spur frei, die wir dann für Sprüche, Atmosphäre und rhythmische Geräusche nutzten. Hans sang zum Beispiel an einer Stelle im Refrain spontan "lalala", was für viele Hörer ein fester Bestandteil des Liedes wurde, obwohl es nur einmal vorkommt, Harald rief an einer Stelle: "Mama, hörst Du mich!", und Jürgen konnte sich nicht verkneifen, die Schlussrefrains mit folgenden Worten zu kommentieren: "Das ist der Refrain, meine Damen und Herren! Zum Mitsingen!". Außerdem rasselten wir im Schluss mit allem, was uns in die Hände fiel gegen den Rhythmus an und verstärkten damit unbewusst den Karnevalscharakter der Aufnahme.
Damit war dann also die Studio-Arbeit getan, es gab das Übliche, das Foto fürs Cover gemacht, irgendjemand erfand den Titel "bla bla blattschuss" und alles soweit gut.
Da sich aber eine Langspielplatte nicht von allein verkauft, hatte die Plattenfirma die Idee einen Song als Single auszukoppeln und sie hatten sich dazu ausgerechnet die "Kreuzberger Nächte" ausgekuckt. Wir wollten a) grundsätzlich keine Single, wir empfanden uns in leichter Selbstüberschätzung als Album-Projekt und Singles waren was für die Schlagerfuzzies von der ZDF-Hitparade, und b) ein von mir gesungener Titel war auch nicht repräsentativ für den Sound der Gruppe.
Die Firma drängelte aber trotzdem und schließlich kann es zu einem Kompromiss. Es wurde eine EP gemacht, eine kleine Schallplatte mit vier Titeln, die es zum Beispiel Radioleuten leichter machen würde, einzelne Titel zu spielen. Die "Nächte" kamen drauf, dann unser Favorit (wenn schon) "Hoppla", eine Parodie auf deutsche Urlauber, dazu zwei weitere Lieder.
Das muss im Frühsommer '78 gewesen sein, in der Zeit hatten wir auch die Fernseh-Show "Quatsch mit Soße" aufgenommen, in der übrigens auch die "Kreuzberger Nächte" nicht vorkamen.
Dann kam es genau zur Jahresmitte zur Überraschung. Jürgen kündigte. Wir hatten nach dem abrupten Abgang von Wurzel inzwischen einen Vertrag untereinander, der ein halbjährige Kündigungsfrist enthielt. Hans, Harald und ich waren einigermaßen geplättet, haben uns aber nicht so viel Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen könnte, wir waren ja nur eine Westberliner Lokalgröße, die bisher kaum Platten verkauft hatte. Für Jürgen hatten wir einigermaßen Verständnis, weil er zu der Zeit auch schon als Solist immer erfolgreicher wurde und sich deshalb gezwungen war, sich für die Gruppe oder die Solokarriere zu entscheiden. Wir haben ein paar Leute, die in die Gruppe kommen sollten, getestet, darunter auch eine Frau, aber das war's dann auch.
Ich fuhr dann erstmal mit Erika in Urlaub nach Elba und auf dem Rückweg sahen wir bei Freunden in München die "Quatsch mit Soße"-Show an und ich dachte wieder einmal an nichts Böses. Inzwischen hatte ich dank Erika auch mein Studium etwas intensiviert und fing an, mich auf Zwischenprüfungen vorzubereiten. Die Musik trat etwas in den Hintergrund, Blattschuss-Auftritte gab es ohne Jürgen nicht und ich machte nur meine Solo-Auftritte. Plötzlich wurden die "Kreuzberger Nächte" ziemlich häufig im Radio gespielt, also wirklich ziemlich häufig und es gab sie nicht als Single zu kaufen, die Leute, die das Lied auf Platte haben wollten, mussten das ganze Album kaufen, ein Trick mit dem Mike Krüger etwas davor viel Geld gemacht hatte, weil sein "Mein Gott, Walther" nicht als Single veröffentlicht worden war.
Dann kam ein ein Musicboxen-Händler zur Plattenfirma und bestellte tausende von Singles, die es gar nicht gab. Die Firma pfiff spontan auf alle Absprachen und presste die verlangte Singles und brachte sie natürlich auch in den Handel, wo in kurzer Frist allein in Westberlin soviel verkauft wurden, dass wir damit für die hinteren Plätze der ZDF-Hitparade qualifiziert waren. Die Hitparade, deren Modus gelegentlich verändert wurde, richtete sich damals nach dem Verkauf deutschsprachiger Schallplatten und so kam es, dass die ursprünglich mehr dem traditionellem Schlager gewidmete Sendung auch andere Stilrichtungen zuließ. Das interessierte uns nicht die Bohne, es war für uns die Schlagerfuzzysendung, da wollten wir nicht hin. Das war, soweit ich mich erinnere, Anfang September. Für die November-Sendung wurden wir wieder gefragt, weil sich der Titel weiter nach vorne platziert hatte. Wir fragten ein paar Freunde und Bekannte, ob man das eigentlich machen könnte oder dürfte, in diese Sendung zu gehen. Komischerweise fragten die meist zurück, was es da an Geld geben würde.
Nun, man hatte uns pro Nase 1000 DM geboten. Alle sagten, dass wir bekloppt wären, die Kohle nicht mitzunehmen. "Na gut", dachten wir, "einmal kann man's ja machen, danach ist es sowieso vorbei".
Da unsere Firma anscheinend nicht das Zutrauen hatte, dass wir allein das Studio in der Oberlandstraße finden würden, trafen wir uns mit der Promoterin Karin Schindeldecker vor dem Haus der Meiselverlage in der Wittelsbacherstr.18. Wir wurden also gefahren. Donnerwetter. Aber nicht in einem schicken Mercedes oder so, Frau Schindeldecker fuhr einen ollen 1500er VW. Außerdem blieben wir im damals notorischten Stau von Westberlin hängen und wären beinahe zu spät gekommen. Na, das ging ja gut los. Im Studio stellten wir erstmal fest, dass das Ganze erheblich kleiner war, als es im Fernsehen aussah. Komisch, wir hatten wie fast alle die Sendung gehasst, aber kaum eine Folge ausgelassen.
Dann kam es zur Begegnung mit dem Regisseur Truck Branss, ein Mann, der von den Schlagerstars zu Recht gefürchtet war. Sein Lieblingsspiel war zu den Hochzeiten der Hitparade, die Interpreten wegen ihrer Kleidung zu kritisieren und sie mit dem Spruch:"Kauft Euch erstmal was Vernünftiges!" zu hektischen Spontankäufen auf den Kudamm zu jagen. An unserem Outfit hatte er nichts zu mäkeln, ich hatte die frühere Blattschuss-Bühnenkleidung an, weißes Hemd und Weste zur Jeans, Hans einen Second-Hand-Anzug und Harald war mit Glitzerhemd auf Popstar gestylt. Wir hatten Instrumente, ich Oktav-Gitarre und Harald einen E-Bass, das sah wie ne Band aus, wir wurden also platziert und mussten glücklichweise nicht "wandern". Solo-Interpreten mussten in dieser Show häufig singend irgendwo herauskommen, Treppen hoch- oder runtersteigen, dabei gelegentlich Blumen der Zuschauer entgegennehmen und das Ganze, da live gesungen wurde, mit Mikrophon. Mikrophon mit Kabel! Funkmikros gabs nicht. Da hatten wir's also bequemer. Dann sagte man uns, dass man die zweite Strophe aus dem Lied rausgeschnitten hätte, damit es nicht länger als drei Minuten dauern sollte. Wir lehnten das ab, ein unerhörter Vorfall, das hatte vor uns wohl noch keiner gemacht. Wir sagten, wir würden das Lied singen und sie könnten es eben ausblenden, wann sie meinten. Da außer mir auch Hans ein Mikrophon hatte, konnte der das im Fall des Falles live kommentieren. Irgendwie hatten die Macher der Sendung bald eingesehen, dass wir etwas anders waren als ihre übliche Klientel. Sie ließen uns einfach machen und bei späteren Sendungen kamen sie gar nicht erst mit Regie-Einfällen, sondern fragten: "Jungs, was wollt'n ihr heute machen?".
Ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob ich bei der ganzen Sache nervös war oder das berühmte Lampenfieber hatte. Normal wäre das schon gewesen, ich hatte noch nie zum Playback gesungen. Um Missverständnisse auszuschließen, es war ein Halbplayback, das heißt, die Solostimme fehlte auf dem Band und musste also live gesungen werden. Die ZDF-Hitparade hat immer Wert darauf gelegt, dass live gesunden werden musste. Es gab davon nur wenige Ausnahmen, aber davon erzähle ich eventuell an anderer Stelle. Bei mir trat nun ein Effekt auf, mit dem wohl keiner gerechnet hatte. Es war in der Sendung üblich, dass bei allen Liedern, wo das möglich war, mitgeklatscht wurde, meistens bei den Refrains. Bei "Kreuzberger Nächte" war das größtenteils aus (West-) Berlin stammende Publikum derartig begeistert, dass das Mitklatschen lauter als die Einspielung des Playbacks war. Schlimmer,
klatschendes Publikum hat die Tendenz, schneller zu werden, das Playback bleibt aber immer gleich schnell. So habe ich, mich dem Tempo des Publikums angleichen, mindestens eine Strophe viel zu schnell gesungen. Der Begeisterung tat das keinen Abbruch. Allzu wichtig nahm ich das Ganze nicht, Stars waren die anderen, die Schlagerleute, bei denen, wie wir schnell mitbekamen, ein paar ganz nette Typen waren. (Arschlöcher gibt’s überall, auch bei Liedermachern und Kabarettisten, das hängt nicht vom künstlerischen Wert oder Anspruch ab.) Einer der Größten war zu der Zeit Chris Roberts. Er schlitterte fast regelmäßig an Platz 1 vorbei, war aber andererseits dauernd platziert. Seine Lieder waren textlich einen Tick besser als die Masse, aber so, dass es nicht auffiel. Er hatte die meisten Fans und war immer nett, ein echter Sunny Boy, damals.
Damals. Es war übrigens der 11.11., ein Datum, das in Berlin keine sonderliche Bedeutung hat(te). In großen Teilen Deutschland symbolisiert dieser Tag aber den Beginn des Karnevals und die Beantwortung der Frage, ob das, was dann mit dem Lied und uns passierte, damit zusammenhängt, wollen wir getrost der Kulturgeschichte überlassen.
Man merkt an dieser Story hoffentlich: Wir haben es nicht gewollt, wir haben uns dann bloß nicht mehr dagegen gewehrt, wir wussten ja auch noch nicht, was passieren würde, und das war so Einiges.

© Beppo Pohlmann